Stopp dem Alkohol-Bashing:
Was sagt die Wissenschaft zum moderaten Weinkonsum?
Die Diskussion um Alkohol und Gesundheit ist heute so hitzig wie nie – zwischen Abstinenzforderungen und genussvoller Lebenskunst.
WeinwissenVier renommierte Wissenschaftler wagen am 23.05.2025 bei einer Veranstaltung der Deutschen Weinakademie an der Hochschule Geisenheim eine differenzierte Betrachtung, mit überraschenden Einsichten, die nicht nur Weinliebhaber interessieren dürften.
Der Psychologe - Prof. Dr. Michael Klein: Prävention durch Genuss
In seiner Analyse plädiert Prof. Dr. Klein für einen maßvollen, sozial eingebetteten Umgang mit Alkohol – insbesondere Wein – als präventiven Schutzfaktor. Statt Prohibition setzt er auf kontrollierten Konsum als Lernprozess. Gerade im Jugendalter könne dies vor späteren Suchtproblemen schützen. Moderater Konsum – so Klein – sei nicht nur gesellschaftlich verträglicher, sondern auch psychologisch stabilisierend und integrativ.
Der Internist - Prof. Dr. Kristian Rett: Zwischen Fake News und Fakten
Rett nimmt den "No Safe Level"-Slogan der WHO kritisch unter die Lupe. Die globale Gesundheitsorganisation berufe sich auf eine erste Version der Global Burden of Disease Study (2018), die jedoch in der Neuauflage von 2022 deutlich relativiert wurde. Statt genereller Abstinenz warnt Rett vor vereinfachenden Botschaften. Er verweist auf neuere Studien – etwa die PREDIMED-Subanalyse – die moderate Weinkonsumenten mit deutlich geringerer Herzinfarkt- und Schlaganfallrate ausweisen.
Der Kardiologe - Prof. Dr. Dirk von Lewinski: Die Sache mit den Zahlen
Auch von Lewinski sieht das Problem weniger im Wein selbst, sondern in der Art der Datenauswertung. Epidemiologische Studien seien oft durch Methodik, Statistik und Selektionsverzerrungen beeinflusst. Seine Schlussfolgerung: Für Menschen über 45 Jahren könne ein moderater Weinkonsum (5–20g/Tag) durchaus kardiovaskuläre Vorteile bringen – nicht zuletzt wegen der wertvollen Polyphenole in den Trauben.
Der Ernährungswissenschaftler - Prof. Dr. Nicolai Worm: Wer bestimmt eigentlich die Empfehlungen?
Worm kritisiert die neuen DGE-Richtlinien als wenig evidenzbasiert. Sie stützten sich auf Daten kanadischer Abstinenzorganisationen und ignorierten aktuelle internationale Forschung. So zeigte etwa eine große Übersichtsstudie 2023 mit 74 Beobachtungen: Ein Glas Wein pro Tag (bei Frauen) bzw. zwei bei Männern erhöhe weder das Krebsrisiko noch die Gesamtsterblichkeit. Insbesondere bei mediterraner Ernährung und Verzehr zu den Mahlzeiten seien die gesundheitlichen Effekte sogar positiv zu bewerten.
Fazit: Zwischen Schwarz-Weiß gibt es viele Nuancen
Die Botschaft aller vier Beiträge ist klar: Ein reflektierter, moderater Weingenuss – eingebettet in ein gesundes Lebensumfeld – kann Teil eines gesundheitlich positiven Lebensstils sein. Pauschale Verbote oder Angstkampagnen greifen zu kurz. Es ist an der Zeit, wissenschaftliche Erkenntnisse differenziert und transparent zu kommunizieren – mit Genuss, aber auch mit Verantwortung. Infos zu den Referenten und die längere Version der Abstracts finden Sie hier und hier.


